30 Mio. € für 30 min? oder „richtlinienkonform“ oder die Frage Richtlinien wofür?

Die Unterlagen zum Antrag auf Planfeststellung für den Neubau eines Verkehrslandeplatzes (VLP) bei Meeder stellen eine gute Grundlage dar, um das vielstrapazierte Wort „richtlinienkonform“ etwas genauer zu betrachten. Wir stellen uns die Frage „Richtlinien wofür?“

Was bedeutet der düsengetriebene Jet in den Planungsvorgaben?

Für die Planung wurden zwei Referenzflugzeuge ausgewählt, die als Auslegungsgrundlage dienen:
Cessna Citation CJ2+:
2 Düsentriebwerke, max. Startgewicht 5.670 kg
Reisegeschwindigkeit 750 km/h
Beechcraft King Air B200:
2 Turboprop-Triebwerke, max. Startgewicht 5.670 kg
Reisegeschwindigkeit 570 km/h
Der Jet ist vermutlich aufgenommen worden, weil eine ortsansässige Firma über eine derartige Maschine verfügt. (Aktuell ist sie in Bamberg stationiert, auf einem Flugplatz der auf Dauer ohne Instrumentenflugberechtigung auskommen muss.)
Wenn man den Zeitvorteil für zwei Strecken ausrechnet, z.B. für 520km nach Ostrava, Tschechien, und 1220 km nach Barcelona, Spanien, so ergeben sich 12 min bzw. 30 min Zeitgewinn.
Dem gegenüber steht, dass der Start eines Jets auf dem Coburger VLP erhebliche Konsequenzen hätte. Das Jet-Flugzeug hat in der Fachsprache den Status „komplex“. Das bedeutet, dass ab August 2016, wenn gewisse neue Regeln greifen, die Piste so lang sein muss, dass der Flieger noch am Ende des Startlaufs den Start abbrechen kann und anschließend bremst, ohne über Piste hinauszurollen. Die dafür erforderliche Bahnlänge nennt man die Startabbruchstrecke. Deshalb ergibt sich für den VLP Meeder eine geplante Startbahnlänge von 1420m. Diese Bahnlänge ist auf der Brandensteinsebene in der Tat nicht mit vertretbaren Mitteln zu realisieren.
Schlussfolgerung: wenn man unbedingt 30 min schneller in Barcelona sein muss, dann benötigt man für Jets den VLP bei Meeder.

Was bedeutet die Einführung des gewerblichen Verkehrs für die Planungsvorgaben?

Die Planfeststellungs-Unterlagen geben Aufschluss über die Nutzung der Brandensteinsebene bis ins Jahr 2011 und zeigen Prognosen auf für 2025. Es wird eine Zunahme des Werkverkehrs von ca. 1.800 Bewegungen in 2011 auf ca. 2.800 Bewegungen in 2025 prognostiziert, das wären zukünftig 8 Bewegungen pro Tag. Man beachte, dass diese Statistik jeweils Start und Landung separat als eine Bewegung zählt, so dass zwei Bewegungen einem Flug entsprechen. Der Werkverkehr und der Privatflugverkehr gehört in die juristische Gruppe des „nicht-gewerblichen Verkehrs“.
Der sogenannte gewerbliche Verkehr, für den verschärfte Regeln gelten im Vergleich zum nicht-gewerblichen Verkehr, war 2009 mit 1 Taxiflug und 51 „Sonstigen gewerblichen Flügen“ vertreten. Falls ein Neubau erfolgen sollte, erwartet die Prognose einen Anstieg der Summe Taxiflüge plus „Sonstige gewerbliche Flüge“ auf ca. 190 Flüge pro Jahr. Ohne Neubau würde die Summe bei ca. 70 Flügen verharren.
Wenn man annimmt, dass der Werkverkehr auch weiterhin mit den heute am Standort vorhandenen Flugzeugtypen stattfindet, alle fallen laut EASA-Beschluss auch nach August 2016 in die Gruppe „nicht-komplex“, so können diese richtlinienkonform auf der Brandensteinsebene starten und landen. Für den größten Flugzeugtyp, die Beechcraft King Air B200, gibt es bei hohen Außentemperaturen gewisse Einschränkungen bzgl. der Maximal-Beladung und/oder der Reichweite. (Daher das Thema einer geringfügigen Bahnverlängerung auf der Brandensteinsebene.)
Es verbleibt nur ein geringer Teil der ca. 190 gewerblichen Flüge pro Jahr, welche die längere Startabbruchstrecke benötigen würden, siehe dazu oben.
Schlussfolgerung: wenn ein derzeit unbedeutender Bedarf an gewerblichen Flügen in den Jahren 2025 und fortlaufende Wirtschaftsstandort-entscheidend sein sollte, dann benötigt man den VLP bei Meeder.

Ein paar Stichworte zur Instrumentenflug-Genehmigung

Eine Zulassung des Instrumentenflugs in Coburg erlaubt das Fliegen an einigen zusätzlichen Tagen. Deshalb ist er für den Werkflugverkehr von Vorteil. Ob die Ausnahmegenehmigung für den Instrumentenflug auf der Brandensteinsebene aus politischen oder technischen Gründen Ende 2019 ausläuft sei dahingestellt. Auf jeden Fall ist der Antwort der Bayrischen Staatsregierung von 2013 auf die Anfrage von Frau Gote zu entnehmen, dass lediglich die Verlängerung der Anflugbefeuerung von aktuell 150m auf 420m erforderlich ist, um den Instrumentenflug ohne Ausnahmegenehmigung dauerhaft zu genehmigen.
Schlussfolgerung: mit einer Verlängerung der Anflugbefeuerung wäre der VLP Brandensteinsebene für den Instrumentenflug richtlinienkonform.

Und ist der VLP Meeder richtlinienkonform?

Es gibt ein Schreiben der Deutschen Flugsicherung (DFS) mit der Aussage, dass es in Meeder ausgedehnte Hindernis-Flächen gibt. Diese Hindernisse stehen einer Genehmigung im Weg. Der Platz könnte demzufolge nur mit einer Ausnahmegenehmigung betrieben werden.
Schlussfolgerung: auf Grund dieser Bodenhindernisse ist der geplante VLP Meeder nicht richtlinienkonform.

Deshalb schließen wir mit zwei Bitten:

  • Wer in der aktuellen Diskussion „Richtlinien“ sagt, sollte so ehrlich sein und konkretisieren, ob er meint: für Düsenjets und gewerblichen Flugverkehr.
  • Alle, die das Wort richtlinienkonform wie ein Mantra vor sich hertragen, mögen dieses nicht mehr für den geplanten Verkehrslandeplatzes Meeder verwenden, siehe Stellungnahme der Deutschen Flugsicherung.

Autoren:
Dr. Bernhard Freudenberg und Hubertus Steinerstauch
Coburg, den 19.08.2015